05.07.2021 | News & Interviews

Tabu-Thema Mental Health: Deutsche Startups räumen in unseren Köpfen auf

von Olivia Weindorf
Assurance
Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft
von Francesco Pisani
Strategy and Transactions | EY Parthenon
Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

Tabu-Thema-Mental-Health

Jeder vierte Mensch ist im Laufe seines Lebens nach Aussage der Weltgesundheitsorganisation mindestens ein Mal von einer psychischen Erkrankung betroffen.[1] Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) beziffert den daraus resultierenden finanziellen Schaden auf über 1,3 Billionen US-Dollar pro Jahr allein in den Industrienationen.[2] Davon entfallen nach Einschätzung der Allianz-Versicherung 22 Milliarden Euro auf Deutschland.[3] Tendenz: steigend.

 

Status Quo

Nach Definition der WHO ist psychische Gesundheit „ein Zustand des Wohlbefindens, in dem eine Person ihre Fähigkeiten ausschöpfen, die normalen Lebensbelastungen bewältigen, produktiv arbeiten und einen Beitrag zu ihrer Gemeinschaft leisten kann“. Logisch also, dass Erkrankten dringend Hilfe zukommen muss, damit sie genesen können. Wer jetzt jedoch denkt, psychische Erkrankungen könnten durch einen Arztbesuch ebenso schnell und unkompliziert geheilt werden wie eine Erkältung, irrt. Tatsächlich ist es heutzutage unvorstellbar schwer, eine Psychotherapie zu beginnen. Für Betroffene ist der Schritt, sich Hilfe zu suchen, ein enormer. Mit diesem Schritt ist es aber leider noch lange nicht getan. Die wohl größte Hürde besteht nämlich darin, überhaupt einen „freien“ Therapeuten zu finden. Die Wartelisten sind lang, Wartezeiten von 6 bis 12 Monaten der Standard. Grund dafür sind mangelnde Kapazitäten: auf zu viele Hilfesuchende kommen zu wenig Hilfebietende. Laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN) sind circa 18 Millionen Deutsche von einer psychischen Erkrankung betroffen. Nur rund 2 Millionen von ihnen, also etwa 11 Prozent, befinden sich in Therapie.

Grundsätzlich wird diese Therapie von den Krankenkassen getragen. Aber: Nicht jeder Psychotherapeut darf Leistungen über die Krankenkasse abrechnen. Regulatorische Hürden stellt hier das Gesetz für besondere Versorgung (§ 140a SGB V), nach dem ein Psychotherapeut einen so genannten Kassensitz innehaben muss, um mit Krankenkassen abrechnen zu können. Die Anzahl der Kassensitze in Deutschland ist durch die Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereine limitiert. Das heißt, dass neue Kassensitze nur durch eine angepasste Bedarfsplanung oder durch den Ruhestand/das Ausscheiden anderer Psychotherapeuten mit Kassensitz entstehen können. Zudem sind Kassensitze für die Inhaber kostenpflichtig, sodass sich Therapeuten nicht selten dafür entscheiden, ihre Leistungen nur als Privatleistungen, die entsprechend durch den Betroffenen selbst zu tragen sind, anzubieten. In Sachsen kostet eine psychotherapeutische Sitzung im Durchschnitt beispielsweise zwischen 90 und 120 Euro. Bei einer wöchentlich stattfindenden Therapieform, die zwei Mal 12 Wochen Kurzzeittherapie und eine sich daran anschließende Langzeittherapie von 1,5-2 Jahren umfasst, sind das ca. 15.000 Euro.[4] Eine Summe, die nicht jeder Betroffene aufbringen kann.

Durch die Corona-Pandemie könnte sich das Verhältnis zwischen denen, die Hilfe benötigen und denen, die sie letztlich tatsächlich erhalten, weiter verschlechtern. Kinder und Jugendliche sind nach Einschätzung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) besonders gefährdet. BVKJ-Sprecher Jakob Maske fasst die Situation wie folgt zusammen: „Es gibt psychiatrische Erkrankungen in einem Ausmaß, wie wir es noch nie erlebt haben. Die Kinder- und Jugendpsychiatrien sind voll, dort findet eine Triage statt. Wer nicht suizidgefährdet ist und 'nur' eine Depression hat, wird gar nicht mehr aufgenommen.“[5]

Für Erwachsene ist die Lage nicht rosiger. Durch die Inanspruchnahme von Homeoffice findet eine starke Vermischung von Arbeit und Privatleben statt. Nach Feierabend abzuschalten ist nicht so leicht, wenn der Arbeitsplatz in Sichtweite bleibt. Gleichzeitig wurden Freizeitaktivitäten und soziale Kontakte, die einen Ausgleich für seelische Belastungen schaffen können, stark eingeschränkt. Die Lockdowns hatten zudem einen Einfluss auf das Ernährungs- und Bewegungsverhalten der Menschen. Gewichtszunahmen und Bewegungsmangel haben auf bestimmte psychische Erkrankungen eine starke Hebelwirkung.

Für Arbeitgeber ergeben sich neue Herausforderungen. Die Zahl der Fehltage, die Arbeitnehmer aufgrund seelischer Leiden in Anspruch nehmen, ist im Zeitraum von 2000 bis 2019 um 137 Prozent auf 260 Fehltage pro 100 Versicherte gestiegen. 105 Tage betrafen dabei Depressionen.[6] Und das, ohne die möglichen Folgen der Corona-Krise zu berücksichtigen.

 

Problem erkannt – Aber wie lautet die Lösung?

Fakt ist, dass Alternativen zur Überbrückung von Wartezeiten und zur Ersthilfe gefunden werden müssen. Psychische Erkrankungen müssen darüber hinaus aus der Tabu-Zone geholt werden, um Betroffenen den ersten Schritt – sich Hilfe suchen zu wollen – zu erleichtern. Umso wichtiger ist es, das Thema nicht totzuschweigen, sondern aktiv zu diskutieren. Prominente und Social-Media-Influenzer, die sich immer häufiger öffentlich zu ihren psychischen Erkrankungen bekennen, tragen dabei stark zur allgemeinen Entstigmatisierung bei. 

Einen Ansatz, um die Versorgungslücke zu schließen, suchen und finden zudem immer mehr Startups. Hierbei entwickeln sich sowohl proaktive als auch reaktive Modelle. Proaktiv bedeutet in diesem Zusammenhang, gesunde Menschen noch gesünder zu machen und dadurch zu verhindern, dass sie künftig psychisch erkranken. Schwerpunkte dieser Angebote sind beispielsweise Apps für Meditationsübungen, Apps mit Tipps und Übungen für die Verbesserung des Schlafverhaltens der Anwender und/oder Angebote im Wellness-Bereich sowie zur Steigerung der „Self Awareness“. Achtsamkeitsübungen also, die den Nutzern immer wieder ins Gedächtnis rufen, ihre Seele genauso gut zu pflegen wie ihren Körper und Alltagsstress zu reduzieren.

Reaktive Angebote richten sich dagegen an bereits Erkrankte. Hierfür wurden Lösungen in Form von geleiteten Online-Interventionen durch Online-Therapie (durchgeführt von Ärzten oder Psychotherapeuten) oder durch Online-Selbsthilfe (durchgeführt von anderen Berufsgruppen) entwickelt. Auch digitale Nachsorge-Angebote, die nach dem Abschluss einer Psychotherapie ansetzen, zählen in diese Kategorie, damit Therapierte auch weiterhin auf dem genesenden Weg bleiben und nicht in alte Verhaltensmuster verfallen. Analoge Nachsorge-Angebote gibt es bislang nämlich nur in Form von Selbsthilfegruppen, die in der Regel begrenzte Kapazitäten haben und nicht allerorts vorhanden sind.

 

Wie sieht das in der Praxis aus?

Die Studie Gesundheit in Deutschland[7] führte zwischen April 2019 und September 2020 eine bundesweite Befragung der Bevölkerung ab 15 Jahren durch. Este Übersichtsarbeiten aus dieser Erhebung zeigen, dass die Anzahl an in Anspruch genommenen stationären Behandlungen rückläufig war, während telemedizinische Versorgungsangebote im ambulanten Bereich eine Zunahme verzeichneten.[8] Mit ihrem Angebot stoßen die Startups also auf eine Nachfrage nach telemedizinischen Leistungen, die immer mehr zunimmt. Mit der DiGAV, also der Verordnung für Digitale Gesundheitsanwendungen, hat Deutschland im April 2020 einen wichtigen gesetzlichen Grundstein für diese Entwicklung gelegt.

Die nachfolgende Grafik zeigt Beispiele von deutschen Startups, die sich aktuell in der Mental-Health-Branche tummeln. Die Einteilung erfolgt dabei in vier Segmente, die sich innerhalb dieser Branche herausgebildet haben:[9]

Beispiele von Mental Health Startups in Deutschland

Abbildung 1: Beispiele von Mental Health Startups in Deutschland

Den proaktiven Ansatz nehmen Startups im Segment „Meditation und Wellness“. SonicTonic hält für seine Nutzer eine Sammlung von Klanglandschaften bereit, die eine beruhigende und wohltuende Wirkung auf die Seele haben sollen, wenn diese Form von Hilfe akut benötigt wird. Mit Meditation und Musik möchte das Startup Meditopia für mehr Achtsamkeit sorgen. Anwender der App sollen das Glück in sich selbst finden und ihr tägliches Leben von innerem Frieden begleiten lassen. Das sprichwörtliche Kind also auffangen, bevor es in den Brunnen fällt.

Die übrigen drei Segmente widmen sich dem reaktiven Ansatz. Selfapy, angesiedelt im Segment „Digitale Behandlung“, ist ein digitales Therapieprogramm, das auf den Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie basiert. Jeder Nutzer wählt seine individuellen Ziele und erhält daraufhin ein persönliches Lernumfeld in Form von Videos, Texten und interaktiven Übungen. Begleitet wird das Ganze durch qualifizierte Psychologen, die durch Telefonate oder eine auf der Website integrierte Nachrichtenfunktion unterstützen. Aufgrund der Corona-Pandemie hat Selfapy ein kostenfreies Unterstützungsprogramm gestartet, das sich mit Themen wie Einsamkeit, Stressbewältigung oder aufrechterhalten von Tagesroutinen befasst.

Auch MindDoc setzt einerseits im Segment „Digitale Behandlung“ an und bietet Hilfe in Form von Online-Therapie, um die Wartezeiten für einen Therapieplatz von mehreren Monaten auf wenige Wochen zu verkürzen. Da sich das Angebot gegenwärtig auf die Kurzzeittherapie beschränkt, werden Betroffene zunächst zu einem Erstgespräch, das analog stattfindet, eingeladen. In diesem wird durch einen Psychotherapeuten beurteilt, ob das Krankheitsbild und die Schwere der Erkrankung für eine Kurzzeittherapie in Online-Form geeignet sind. Bei positivem Bescheid erfolgt innerhalb von 4-8 Wochen eine bundesweite Vermittlung des Betroffenen an einen Online-Psychotherapeuten. Mit „Moodpath“ hat das Unternehmen aber andererseits eine App entwickelt, die, als Stimmungstagebuch aufgebaut, ein Frühwarnsystem für Depressionen und andere psychische Erkrankungen beinhaltet. Die App hilft den Nutzern zudem dabei, psychische Symptome einzuordnen und bietet Kurse zur Steigerung des seelischen Wohlbefindens an.

Das Segment „Therapiezugang“ wird u. a. von DearEmployee besetzt. Das Berliner Startup hilft Unternehmen, psychische Belastungen bei Mitarbeitern frühzeitig zu erkennen und Präventionsmaßnahmen gegen Burnout zu ergreifen. Das Angebot fängt somit das weiter oben beschriebene Problem der hohen Arbeitnehmerfehltage aufgrund seelischer Belastungen auf und könnte einen wichtigen Beitrag zur Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen am Arbeitsplatz leisten. „Das Leben ist schwer. Einen Therapeuten zu finden, sollte es nicht sein“ – so der Slogan von It’s complicated. In diesem Sinne matcht das Startup Betroffene möglichst unkompliziert mit zu ihnen passenden Therapeuten. Psyrena hat eine Therapie-Nachsorge-Plattform entwickelt, um Betroffenen einen Therapiezugang auch nach Abschluss einer Psychotherapie zu ermöglichen.

Zum Segment „Symptomcheck“ zählen Startups, die sich auch der Früherkennung von Symptomen widmen. neotiv hat beispielsweise eine digitale Lösung für Gedächtnisprobleme entwickelt. 

 

Fazit

Zusammenfassend kann man sagen, dass zunehmend frischer Wind durch das Tabu-Thema Mental Health weht. Corona hat die bestehenden Notstände hierzulande weiter aufgedeckt und aktives Handeln gepusht. So mischen auch Investoren, die bislang nicht im Health-Sektor aktiv waren, immer stärker mit. Dem Berliner Biotech-Unternehmen Atai, das den Einsatz psychedelischer Behandlungen bei psychischen Erkrankungen erforscht, gelang es mit ihrem im Juni durchgeführten IPO beispielsweise 225 Millionen US-Dollar aus dem Verkauf von 15 Millionen Aktien zu generieren.

 

 

 

[1] Im Rahmen des Projekts Global Burden of Disease (GBD) werden u. a. Krankheitsfälle quantifiziert und nach Regionen und Bevölkerungsgruppen analysiert.

[2] WHO, Publikation: Investing in Mental Health

[3] Studie der Allianz AG

[4] EY Analyse

[5] ZDF-Beitrag: „Folgen der Corona-Pandemie - Kinderärzte warnen vor Triage in Psychiatrie“ vom 18.05.2021

[6] DAK-Psychoreport 2020

[7] GEDA 2019/2020-EHIS

[8] Jordan S, Starker A, Krug S et al. (2020) Gesundheitsverhalten

[9] EY Analyse

Ansprechpartner

von Olivia Weindorf
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